Die ev.-ref.
Kilianskirche Schötmar
(Renate
von Reuter für den Tag des Denkmals am 12. Sept. 2004)
Entstehungsgeschichte
(RvR) Die erste urkundliche Erwähnung von Ort und Kirchengemeinde stammt
aus dem Jahre 1231, die Anfänge reichen allerdings zurück bis in karolingische
Zeit. Die Gemeinde gehört zu den ältesten christlichen Gemeinschaften
im hiesigen Raum. Sie war eine der Urpfarreien, d.h. eine Kirche, die als Missionszelle
zur Christianisierung des alten Sachsenlandes gegründet wurde. Als Hinweis
für diese Annahme wird das Kilianspatrozinium gewertet. Kilian war ein
irischer Wanderbischof, der in Würzburg wirkte und dort 688 als Märtyrer
starb. Sein Kult verbreitete sich von Würzburg aus im Einflussbereich der
Würzburger Bischofskirche. Auch im Bereich des späteren Bistums Paderborn
hatten die Würzburger Bischöfe ab 799 die Missionsarbeit übernommen,
ihr Einfluss endete 836 mit der Translation der Liboriusreliquien nach Paderborn.
In dieser Zeit des Würzburger Einflusses muss also die Kirche gegründet
sein, was inzwischen auch durch Grabungsbefunde belegt ist. Wenn es auch nur
ein sogenanntes Laufniveau ist aus dem 10. Jh., so beweist es doch einen Kirchenbau
zwischen 900 und 1000 n. Chr. Um die Mitte des 14. Jh. umfasste das Kirchspiel
Schötmar noch etwa 25 Orte und Bauerschaften. Obwohl sich viele Filialkirchen,
die ursprünglich zum Bereich der Kilianskirche gehörten, im Laufe
der Jh. selbständig gemacht haben, ist der Gemeinde ein großer Bereich
verblieben mit drei Pfarrbezirken und ca. 6.000 Mitgliedern.
Der Kirchenbau
Die heutige Kirche wurde 1850-54 errichtet, Baumeister war der Salzufler Salinendirektor
und Baukonstrukteur Friedrich Heinrich Ludwig Goedecke (1810-62). Es handelt
sich um eine dreischiffige neugotische Hallenkirche von 5 Jochen mit 5/8 Chorabschluss,
einem Satteldach über jedem Schiff und kräftigen Unterzügen im
Inneren. Im Westturm ist ein 8 eckiges Obergeschoss eingezogen. 1972 wurde die
neue Eule-Orgel eingeweiht. Nach zahlreichen entstellenden Veränderungen
wurden im Rahmen von Restaurierungsarbeiten 1981/82 und 2004 sowohl farblich
als auch räumlich die Urzustände größtenteils wieder hergestellt.
Somit stellt die Kirche wieder ein weitgehend werkgetreues Ganzes dar und ist
ein schützenswertes Beispiel des Kirchenbaus im 19. Jh. Die Kirche hatte
drei Vorgängerbauten, wie Grabungen belegen. Erhalten ist lediglich eine
Glocke von 1437, die heute noch zum Gottesdienst ruft.
- Von der ersten Kirche gibt es außer einem Laufniveau keinerlei Reste.
- Aufgrund der Mauertechnik der gefundenen Mauerreste weiß man, dass vor
dem Jahr 1000 an dieser Stelle ein Saalbau gestanden hat von 10 m Breite.
- Nach 1150 wurde auf den Fundamenten des Saalbaus eine dreischiffige Basilika
gebaut. Die Datierung ergibt sich aus der Art der Einwölbung der Decke.
Diese gotische Kreuzkirche bestand bis 1847, als sie wegen Baufälligkeit
abgerissen werden musste. Aus dem Material wurde eine Notkirche gebaut, die
bis zum Neubau der Kirche genutzt wurde.
Der Kirchplatz
Um die Kirche lag seit frühester Zeit ein Totenhof, auf dem jede Bauerschaft
ihre Ecke hatte, da zu den Grundaufgaben jeder Pfarrkirche immer die Seelsorge,
die Taufe und das Begräbnis gehörten. Beseitigt wurde der Friedhof
erst 1838. Die historischen Grabsteine auf dem Schötmaraner Kirchplatz
tragen die Namen, Hausmarken und Daten der Menschen, die in Schötmar einst
gelebt und gewirkt haben. Sie sind ein Denkmal von sozial- und kunstgeschichtlicher,
volkskundlicher und städtebaulicher Bedeutung.
Die historische Bedeutung des Kirchplatzes wird zusätzlich dadurch betont,
dass hier einst auf dem Friedhof unter einer alten Linde durch den gräflichen
Freistuhl Gericht gehalten wurde.
(Text: Renate von
Reuter für den Tag des Denkmals am 12. Sept. 2004)

Kilianskirche gehört
zur Familie der "Offenen Kirchen"
(MS) "Offene Kirche, das ist mehr als ein mechanischer Schließvorgang."
stellt die deutsche Bischofskonferenz fest und fomuliert weiter: "Kirchen
sind Orte, an denen die Sehnsüchte und Ängste der Menschen aufgehoben
sind." In der evangelischen Kirche ist das nicht anders. Auch in Schötmar
hat sich der Kirchenvorstand der ref. Kilianskirche im Herbst 2003 mit dem Thema
befasst und die ständige Öffnung der Kirche beschlossen. Samstagsvormittags
und Montags bis Freitags von 10 Uhr bis 17 Uhr ist die Kilianskirche seit März
2004 nun also durch den westlichen Haupteingang zugänglich. Außen
am nördlichen Seiteneingang prangt seit kurzem das von Kirchenrat Tübler
verliehene Logo der "Offenen Kirchen": eine weit geöffnete weiße
Tür auf blauem Grund. Ein Banner zeigt den Besuchern schon von der Begastr.
neben der Eisdiele: Diese Kirche ist geöffnet.
Mit dem Abschluß der Renovierungsarbeiten in der Kilianskirche wurde das
zentrale Gotteshaus in der Mitte Schötmars so wieder zu einem Ort der Stille
und des Lebens. Für jeweils sieben Stunden haben die Besucher und Einwohner
Schötmars auch werktags die Möglichkeit in die Kilianskirche einzukehren.
Einkehr heißt es bewusst, denn der Besucher kehrt nicht nur in die Kirche
ein, sondern kann in der Kirche spüren, wie Gott bei ihm einkehren will.
"Spiritualität" ist das lateinische Fremdwort für die Erlebnisse,
die sich im Zusammenhang mit einem Kirchenbesuch einstellen können. Nicht
nur in den Gottesdiensten und während der geistlichen Konzerte lassen sich
solche Erfahrungen machen. Im Raum an sich, seiner Gestaltung und Ausschmückung,
durch die Gegenwart betender Menschen, im Hören auf das verlesene Bibelwort,
beim Lesen ausgelegter Gebete - in vielfältiger Gestalt ist das Wirken
von Gottes Geist auch außerhalb traditioneller Gottesdienste erfahrbar.
150 Jahre
"neugotische" Kilianskirche
(MS) Vom 4. Juli bis 11. Juli 2004 feierte die jetzige reformierte Kilianskirche
Schötmar das 150. Jubiläum. Nach Abschluß der Innenrenovierung
erscheint die Kirche und ihr Umfeld wieder im neuen Umwelt. Warum wird der Baustil
der heutigen Kilianskirche "neugotisch" genannt? Die Neugotik ist
ein europäischer Baustil, der seine Blüte in der Zeit von 1830 bis
1900 hatte. In den Anfängen des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in Europa
diese neue Kunstrichtung, die Neugotik. Besondere Kennzeichnung dieser Ausrichtung
war die Wiederbelebung der gotischen Formensprache in Kombination mit Elementen
der Romantik, die eine Hinwendung zur Natur, zur Religion und zum Mittelalter
zum Inhalt hatte. Im Mittelpunkt der Verbreitung der Neugotik stand ein umfassendes
Bau- und Einrichtungsprogramm, dass bis in die Literatur und den Lebensstil
Einzug hielt. Die Formensprache der Neugotik, ausgehend von Großbritannien,
orientierte sich an einem idealisierten Mittelalterbild. Mit der Unterstützung
von Friedrich dem Großen erhielt die Neugotik eine nationale Ausrichtung,
da man sich in einer Verbundenheit mit dem mittelalterlichen deutschen Kaiserreich
sah. Die Neugotik erlebte vor allem mit der Vollendung des Kölner Domes
(obwohl ein Meisterwerk der gotischen Architektur) ab 1842 eine Blütezeit.
Der Begriff "Neugotik" oder "Neogotik" ist eine Rückbesinnung
auf die Stilepoche Gotik im Mittelalter Die Gotik selber entstand um 1140 in
der Gegend von Paris und währte nördlich der Alpen bis etwa 1500.
Der zuvor vorherrschende Bau- und Kunststil war die Romanik. Der Vorgängerbau
der jetzigen Kilianskirche war eine romanische Kirche an gleicher Stelle, die
um 1200 gebaut worden war. Als sich Anfang des 16. Jahrhunderts die Renaissance
nördlich und westlich der Alpen ausbreitete, verlor der gotische Stil schnell
an Einfluss. Ein typisches Beispiel der regionalen Form der "Weserrenaissance"
ist das Bürgerhaus des "Veltscherers Holman", in dem seit 2003
die Begegnungsstätte Schötmar eingerichtet ist.
Typisch für die gotische Baukunst sind Spitzbögen, schlanke strukturierte Säulen, aufgebrochene, hohe Wände mit großen Fenstern und die Betonung der Vertikalen. Die große Neuerung der Spitzbogentechnik bestand darin, dass bei einem gedachten Quadrat als Grundriss nicht 4 Rundbögen über die 4 Seiten des Quadrates gestellt wurden, sondern 2 Rundbögen mit gemeinsamem Mittelstein über die beiden Diagonalen. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes gesichert, und die statisch nun weniger wichtigen Bögen über den 4 Seiten wurden spitz nach oben gebaut, um die gleiche Höhe, wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen zu erhalten. diese Gewölbetechnik nennt man Kreuzrippengewölbe, die es auch ermöglicht, ein Gewölbejoch über einen rechteckigen Grundriss zu erstellen. Damit wird die Gestaltung freier als in der Romanik.
Eine weitere Neuerung war die Erfindung des selbständigen Tragwerks, das sich durch die Strebepfeiler zeigt. In der Romanik mußte die flächige Wand die Lasten des Gebäudes tragen und hatte daher nur kleine Fenster. In der Gotik wurde die Wand von der tragenden Funktion befreit und konnte beliebig aufgelöst werden, was die riesigen Fenster ermöglichte, die fast die gesamte Wandfläche einnehmen.
Typisch für den Kirchenbau der
Gotik ist die Betonung der Vertikale. Die häufigste Form des Grundrisses
ist, wie schon in der Romanik, das lateinische Kreuz. Die Fenster sind meist
sehr lang und schmal. Ihre Verzierung besteht oft aus Kreisen und Rundstäben.
Unter den Fensterbogen findet man auch kleine, kleeblattförmige, eingesetzte
Bogenspitzen. Auch Öffnungen in Fischblasenform sind sehr beliebt. Die
Vorlagen zu diesen vielen gotischen Ornamenten nahm man aus der Pflanzenwelt.
Aber auch Motive und Formen aus der Menschen- und Tierwelt waren beliebt. An
den Spitzen von Giebeln und Türmen verwendete man oft eine Kreuzblume als
Ornament (Verzierung)
Gotische Bauwerke (insbesondere Kirchen) wurden um 1850 gerne nachgebaut.
Auch die neugotische Kilianskirche
Schötmar gehört dazu. Später folgten viele aufwendig gestaltete
Rathäuser im gotischen Stil, wobei diese wenige Vorbilder im Mittelalter
hatten.
150
Jahre neugotische Kilianskirche -
Rückschau auf eine bunte Festwoche im Sommer 2004
